Ausgewählte Arbeiten von Frei Otto und seinen Teams

Selected Works of Frei Otto and his Teams

 

Aktuelles

 

 

Artikel aus der

Stuttgarter Zeitung

vom 08.07.2003

 

 

Gläubiger Heide mit Respekt vor der Schöpfung

 

Der Architekt Frei Otto hat in Leonberg über seine Arbeit

und den Bau von Kirchen gesprochen

 

Im Jahr der Bibel dürfen in der Stadtkirche von Leonberg

(Kreis Böblingen) auch prominente Laien predigen. Am

Sonntag ist die Reihe an dem erfolgreichen Architekten

Frei Otto gewesen, der über seine Erfahrungen mit der

Konstruktion sakraler Bauten gesprochen hat.

 

Von Anja Tröster

 

Worte, wie sie gestern in der Stadtkirche zu hören waren,

würde man in Kirchen gerne öfter vernehmen. Er habe in

seinem Leben zweimal die Bibel und zweimal den Koran

gelesen, sagte Pfarrer Hartmann über den Gastredner

Frei Otto - und er zeige damit eine wünschenswerte Weltoffenheit.

 

Der Gastredner selbst, nach eigenem Bekunden zwar als

Christ geboren, aber inzwischen zum "gläubigen Heiden"

geworden, machte keinen Hehl daraus, dass er der Kirche

als Institution eher kritisch gegenübersteht. Trotzdem nutzte

der 78-Jährige die Gelegenheit, zum ersten Mal selbst an

einem sakralen Ort zu sprechen und eine Art spirituelles

Vermächtnis zu formulieren. Bekannt geworden ist Frei Otto

mit dem Weltausstellungspavillon für Montreal und dem

Münchner Olympiastadion. Weniger bekannt sind jene Werke

in den arabischen Ländern, für die er zuletzt vor fünf Jahren

den Aga-Khan-Preis erhalten hat. Über diese Erfahrungen

sprach Otto gestern. Ein Architekt brauche nicht notwendigerweise

selbst gläubig zu sein, um einen sakralen Bau schaffen zu können,

habe ihm einmal ein Kollege gesagt: Wichtiger sei die Distanz.

Das hat den Architekten Otto lange beschäftigt.

 

Offenbar hat es ihn auch überzeugt. Denn immer wieder nahm

er zusammen mit seinem Partner Aufträge für Gebäude an,

die auch Platz zum Gebet bieten sollten. Einmal, als das

arabische Königshaus ein Konferenzzentrum mit Moschee

in Mekka bauen ließ, wurde er diesem Wunsch durch einen

einfachen Hof mit einem Brunnen gerecht. Er habe keine Kuppel

gebaut, weil das nicht die Ursprungsform der Moschee sei.

 

Und wie alle muslimischen Bauten habe er als Ungläubiger

dieses Zentrum nie betreten und wisse deshalb nicht, wie die

Menschen es angenommen hätten. "Ich weiß nicht einmal,

ob an diesem Brunnen jemals ein Mensch gebetet hat", sagte Otto.

Aber er habe später gespürt, dass der Bau angenommen worden sei

- unter anderem durch den Preis des Aga Khan, des religiösen

Oberhaupts der Ismaeliten. An die Reden könne er sich nicht erinnern,

nur an den herrlichen arabischen Garten, in dem gefeiert wurde.

 

Ein anderes Mal habe er, sagt Otto, eine "Tanzlustbarkeit" in Köln

gebaut. Das war 1957. Wenig später habe ihn ein Mann gefragt,

ob er die Formen nicht für den eucharistischen Kongress auf der

Münchner Theresienwiese übernehmen könne. "Das ist die

Sakralbauweise unserer Zeit", war der Mann überzeugt.

"Ich habe nie wirklich verstanden, was ein Sakralbau ist",

sagte Otto dagegen.

 

Auf die Kanzel zu gehen, hatte Frei Otto sich geweigert.

Stattdessen stellte er sich vor den Altar und sprach frei zu der

Gemeinde. Am Ende seiner Rede wiederholte er den Satz,

der am Anfang seiner Rede stand: "Der Mensch bewahre die

Erde, er ist alleine mit ihr im All. Sie ist der Hort allen Lebens.

Wir müssen sie bewahren, weil sonst alles Leben mit ihr endet."

Dieser tiefe Respekt vor der Schöpfung klang wie ein Vermächtnis.

Eines, das nicht nur für den behutsamen Umgang mit der Natur wirbt,

sondern auch für ein Verständnis dessen, dass es in den großen

Religionen viele Gemeinsamkeiten gibt.

 

 

 

 

 

 

 

zurück

 

© Atelier Frei Otto Warmbronn