Aktuelles
24. 01.1996
Universität Weimar
Ausstellungseröffnung
„GESTALT FINDEN”
(red). Die Ausstellung der
Architekten Frei Otto und
Bodo Rasch „Gestalt finden”
wurde am 24. Januar
durch Dr. Lothar Späth,
Vorstandsvorsitzender der
Jenoptik AG, Jena und Prof.
Dr. Gerd Zimmermann,
Rektor der HAB, im
Oberlichtsaal des
Hauptgebäudes in Anwesenheit
der beiden
Architekten eröffnet.
Frei Otto, Bodo Rasch
Gestalt finden - Auf dem Weg
zu einer Baukunst des
Minimalen
Die Urarchitektur ist eine
Architektur der
Notwendigkeit. Sie hat
nichts zuviel, gleichgültig, ob
Steine, Lehm, Schilf oder Holz,
Tierhäute oder Haare
verwendet werden. Sie ist
minimal. Sie kann selbst in
Armut sehr schön sein und
ist im ethischen Sinne gut.
Die minimale Urarchitektur
kann Struktur und
Ornament zugleich sein.
Schmuck ist sinnvoll, wenn er
unverzichtbar ist.
Gute Architektur ist
wichtiger als schöne Architektur.
Schöne Architektur ist nicht
unbedingt gut. Ideal ist
ethisch gute Architektur,
die auch ästhetisch ist.
Bauten, die dieses Ideal
erreichen, sind selten. Nur
sie sind erhaltenswert.
Wir bauen zu viele Häuser.
Wir verschwenden Raum,
Land, Masse und Energie.
Wir zerstören Natur und
Kulturen. Wir üben mit
Bauten Macht aus, selbst
dann, wenn wir es nicht
wollen, weil wir nicht
anders können. Die Gegensätze
zwischen Architektur und
Natur werden immer größer.
Wir haben zu viele nutzlos
gewordene Häuser, von
Pol zu Pol, in der Kälte und
in der Hitze, wir brauchen
sie mobil und immobil.
Die heutigen Siedlungsgebiete des Menschen
sind
selbst in heißen und kalten
Zonen das neue
ökologische System, in dem Technik unverzichtbar
ist. In ihm leben tausende
von Tier- und Pflanzenarten
in neuer Weise mit dem
Menschen zusammen. Die
Leitart ist der homo
sapiens.
Trotzdem bauen wir immer
noch die widernatürlichen
Gebäude der vergangenen
Epochen. Unsere Zeit
verlangt leichtere,
energiesparende, mobilere und
anpassungsfähigere, kurz
gesagt natürlichere
Häuser, ohne die Forderung
nach Sicherheit und
Geborgenheit zu mißachten.
Dies führt folgerichtig zur
Weiterentwicklung des
Leichtbaus, des Bauens von
Zelten, Schalen, Segeln
und luftgetragenen
Membranen. Dies führt auch zu
einer neuen Mobilität und
Wandelbarkeit. Ein neues
Verständnis von Natur bildet
sich unter einem Aspekt,
der Hochleistungsform, (auch
„klassische Form”
genannt), die ästhetische
und ethische
Gesichtspunkte vereint. In
diesem Zusammenhang
erkennen wir auch die
Qualität naiver Bauten und
Siedlungen.
Zur Lösung der heutigen
Aufgaben brauchen wir die
neue ganzheitliche
Architektur des ökologischen
Systems der vom Menschen
besiedelten
Erdoberfläche. Unter Nutzung
der Erkenntnisse aller
Wissenschaften wird das Gestaltfinden dieses neuen,
friedlichen, sich selbst
einpendelnden Systems zuerst
dadurch gefördert, daß
Widerstände abgebaut
werden. Dazu gehört auch die
Reduzierung der die
Erdoberfläche verkrustenden
Häuser und Straßen.
(...)
Die Architektur von morgen wird wieder eine
Minimalarchitektur sein,
eine Architektur der von
Menschen angeregten
Selbstbildungs- und
Selbstoptimierungsprozesse,
die als ein Teil des sich
einpendelnden neuen
ökologischen Systems der von
Menschen dicht und friedlich
besiedelten
Erdoberfläche gesehen werden
muß, eine
Architektur, die echte
Traditionen respektiert und die
Mannigfaltigkeit der Gestalten
der belebten und der
unbelebten Natur schützt. Im Hinblick auf dieses ferne
Ziel soll die Ausstellung
Anregungen geben und auf
Auswirkungen aufmerksam
machen. Entwicklung wird
dargestellt, nicht die
Endgültigkeit des Perfekten.
Ohne Anspruch auf
Vollständigkeit veranschaulicht
das gezeigte Arbeitsmaterial
die Grundlagen und
Methoden des
Gestalt finden im Rahmen unsere
Arbeitsweise. Der
aufgezeigte Weg, der vielleicht
einmal zu einer Baukunst des
Minimalen führen kann,
ist nur einer unter vielen.
Die Ausstellung wurde
gemeinsam mit der
Sonderkonstruktionen und
Leichtbau-GmbH
Leinfelden-Oberaichen
realisiert, gefördert durch die
Jenoptik AG, Jena. Im
Anschluß an die Eröffnung
fand eine interessante
Diskussion zur Ausstellung mit
Frei Otto, Bodo Rasch, Dr.
Lothar Späth und Prof. Dr.
Gerd Zimmermann statt.
Die Ausstellung ist noch bis
zum 16. Februar,
wochentags von 8.00 Uhr bis
18.00 Uhr, im
Hauptgebäude zu sehen.
Fotos: Meier
Im Oberlichtsaal zu sehen
„Am Anfang jedes
Architekturstudiums muß
unbedingt das Studium der
Natur stehen” - so Frei
Otto zu Studenten im
überfüllten Oberlichtsaal.
Während der anschließenden
Diskussion. v.l.: Prof.
Stamm-Teske, Dekan der
Fakultät Architektur, Stadt-
und Regionalplanung; Rektor
Prof. Zimmermann,
Vorstandsvorsitzender der
Jenoptik AG Dr. L. Späth,
Bodo Rasch, Frei Otto.

© Atelier Frei Otto Warmbronn