Ausgewählte Arbeiten von Frei Otto und seinen Teams

Selected Works of Frei Otto and his Teams

 

Aktuelles

 

 

Artikel aus der

Stuttgarter Zeitung

vom 25.07.2003

 

 

"Man muss in Flautenzeiten Zukunftsvisionen haben"

 

Frei Otto schlägt eine Südwestuniversität in Baden-

Württemberg vor - Hochschulen sollen Dachverband

gründen

 

Frei Otto, Architekt und emeritierter Professor der

Universität Stuttgart, hat in Yale und Harvard gelehrt,

bevor er 1964 in Stuttgart das Institut für Leichte

Flächentragwerke gründete. Angesichts jüngster

Stellenstreichungen setzt er sich im Interview mit

Dietrich Heißenbüttel für eine Kooperation unter den

Hochschulen des Landes ein.

 

Die Universität Stuttgart plant Kürzungen im Bereich

der Geisteswissenschaften und der Geologie. In der

vergangenen Woche hat der Biologe Ulrich Kull, ein

ansonsten zurückhaltender Mensch, bei seiner

Abschiedsvorlesung sehr harte Worte dazu gesagt.

35 Stellen sollen in den Naturwissenschaften, weitere

17 in den Geisteswissenschaften gespart werden.

Wie beurteilen Sie diese Pläne?

 

Wenn auch die meisten Kollegen einig sind, dass an

den Hochschulen gekürzt werden muss: die

Universität wird jetzt zurückgeführt auf ein

Polytechnikum mittleren Ranges. Aber mir geht es

hier nicht nur um Stellenstreichungen. Mir geht es

darum: Was wird aus der Arbeit, die hier geleistet

wurde, in der Zukunft? Unser Schatzkästlein ist doch

das Wissen, das ja nur von Köpfen weitergetragen

werden kann. Ich möchte es so sagen: Früher war die

Verkehrstechnik beherrscht von den Segelschiffen,

die für mehrere tausend Jahre das einzige Objekt der

internationalen Kommunikation waren. Gerade in

einer wirtschaftlichen Flaute muss das Segelschiff

Wissenschaften volle Segel setzen, um dann, wenn

wieder normale Bedingungen eintreten, in eine gute

Ausgangsposition zu kommen - und zwar in Lehre

und Forschung, insbesondere in der

Grundlagenforschung, die in den letzten Jahren stark

geschädigt wurde. Echte Grundlagenforschung kann

ja nicht danach gewertet werden, was sie nutzt.

 

Zu Beginn Ihrer Stuttgarter Tätigkeit gab es hier noch

gar keine Universität.

 

Als ich 1964 nach Stuttgart kam, war die Technische

Hochschule und besonders die Architektur in

Mitteleuropa absolute Spitze. Und von ungefähr 1970

bis 1985 war Stuttgart eine Forschungs- und

Lehrstätte von Weltruf. Wir merkten das daran, dass

viele ausländische Studierende zu uns kamen,

obwohl sie mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert

waren. Ich halte aber die Bezeichnung Universität

nach wie vor für falsch. Sie wäre gerechtfertigt, wenn

es gelungen wäre, Literatur, Geisteswissenschaften,

Chemie, die unglaublich wichtige Biologie sehr stark

anzusiedeln. Die waren aber bereits sehr schwach

und werden nach den Kürzungen noch schwächer

sein.

 

Interdisziplinäre Grundlagenforschung verbindet man

in Stuttgart sehr stark mit dem Namen Frei Otto.

 

 

Wir haben in zwei Sonderforschungsbereichen zu

weit spannenden oder leichten und natürlichen

Konstruktionen interdisziplinäre

Grundlagenforschung betrieben, zusammen mit

Biologen, Geologen, Archäologen, Paläontologen aus

Tübingen und vielen anderen Hochschulen. Ich habe

damals von der Deutschen Forschungsgemeinschaft

jährlich rund zwei Millionen Mark eingesammelt und

bis zu 50 Mitarbeiter beschäftigt. Ich erwähne das hier

nur deshalb, weil es in der Zeit, als die Universität

Stuttgart ein hohes Ansehen hatte, umso leichter war,

Mittel für die Forschung einzuwerben. Wenn Sie eine

trübe Tasse sind, ist das nicht so einfach. Ich will hier

aber nicht nur meckern. Ich habe es immer als meine

Aufgabe angesehen, Vorschläge zu machen, wie

man es besser machen kann.

 

 

Was schlagen Sie vor?

 

Ich habe damals in Amerika an der University of

California zu lehren angefangen, die aus

verschiedenen Zweigen aufgebaut ist: mehrere echte

Universitäten in Los Angeles, Berkeley, San Diego,

und auch kleinere Institute, die alle unter einem

Dachverband zusammenarbeiten. Ich möchte etwas

Ähnliches in Baden-Württemberg anregen und habe

das Südwestuniversität genannt.

 

Lassen sich die amerikanischen Verhältnisse auf

unsere Hochschulen übertragen?

 

Das amerikanische System hat viele Vorzüge. Als ich

in Harvard und Washington lehrte, kamen

Professoren und Studenten meiner Fakultät aus allen

Teilen der Welt. Das Klassensystem und die

englische Sprache erleichtern den Zugang. Dennoch

würde ich am freien Studium festhalten. Das ist

unsere Tradition. Das System der amerikanischen

Privatuniversitäten funktioniert aber bei uns nicht. Die

finanzieren sich aus Spenden von älteren Leuten, die

über ein dickes Erbe verfügen und damit auch eine

Altersversicherung eingehen. Dagegen ist die eben

erwähnte University of California eine staatliche

Universität.

 

Welche Aufgaben sollte eine Südwestuniversität

haben?

 

Zunächst einmal sollten sich zwei oder drei

Hochschulen auf freiwilliger Basis zu einem

Dachverband zusammenschließen, dem zwei

Aufgaben zukommen: Er soll Studierende hinleiten

an den für sie richtigen Ort. Die Gesamtauslese kann

dabei eine Aufgabe der Dachuniversität sein, ich bin

aber auch dafür, dass die Lehrer sich ihre Leute

selbst aussuchen können - eine harte Aufgabe, die in

Arbeitsstunden zu messen ist. Zugleich muss man

Studenten die Möglichkeit eröffnen, Fächer an

verschiedenen Hochschulen zu kombinieren. Die

andere Aufgabe wäre, die interdisziplinäre Forschung

und Lehre zu fördern und dafür auch Drittmittel

einzutreiben.

 

Besteht bei einer Förderung aus Industriemitteln nicht

die Gefahr, die anwendungsbezogene Forschung zu

bevorzugen?

 

Beim Fraunhofer-Institut ist das so, und das

funktioniert auch sehr gut. Aber die Industrie hat

schon eingesehen, dass sie auch die

Grundlagenforschung braucht. Es muss aber auch

jemand die Drittmittel verwalten, und dies sollte eine

Organisation in der Hand der

zusammengeschlossenen Universitäten sein.

 

Momentan entsteht allerdings eher der Eindruck

eines Verteilungskampfes unter den Rektoraten.

Muss die Initiative vom einzelnen Forscher

ausgehen?

 

Sowohl vom Einzelnen als auch von den

Hochschulen. Im Moment sagt ja jeder nur, wir gehen

sowieso am Krückstock. Aber gerade in Flautenzeiten

muss man Zukunftsvisionen haben.

 

 

 

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